Politik

Egon Bahr bleibt auch mit 91 neugierig

GDN - Egon Bahr will auch mit 91 Jahren noch wissen, wie es mit der Welt weitergeht: "Meine feste Überzeugung ist, dass man neugierig bleiben muss, solange Gehirn und Physis mitmachen", sagte Bahr dem "Zeit Magazin". Seine aktuelle Popularität sieht er als Zeichen des Generationenwechsels.
"Die Öffentlichkeit ist durch eine Fülle von Unsicherheiten geprägt und denkt unwillkürlich, die Rettung könne von der Erfahrung kommen", so der SPD-Politiker: "Ich gehöre zu einer Generation, die noch elementare Entscheidungen treffen musste, während die Nachfolgegenerationen in die Selbstverständlichkeit eines Wohlfahrtsstaats hineingeboren wurden." Die Zeit unter den Nazis erlebte Bahr als Jugendlicher in einem inneren Konflikt. Bahrs Großmutter mütterlicherseits war Jüdin, sein Vater hätte sich eigentlich von seiner Mutter trennen müssen, was er aber nicht tat. "Als der Krieg schließlich kam" sagte Bahr, "waren die ersten Erfolge doch eindrucksvoll. Es gab einen inneren Widerstreit zwischen dem Stolz auf das, was dieses Volk alles kann, und der Gewissheit: Wenn das bleibt, ist es das Ende von mir und meiner Familie". Als Bahr dann als junger Mann freiwillig zur Luftwaffe ging, hatte sich seine anfängliche Kriegsbegeisterung schon gelegt, "auch wenn ich einmal nach dem Abschuss eines Flugzeugs, das Bomben auf Berlin geworfen hatte, trotz der Toten eine Sekunde lang Genugtuung empfand", so Bahr. "Zugleich war ich zutiefst erschrocken, wie dünn der Firnis der Menschlichkeit ist, wenn man darüber Genugtuung empfinden kann". Als Vertrauter von Willy Brandt entwarf Bahr später eine neue Ostpolitik, die er mit seiner berühmten Rede vom "Wandel durch Annäherung" prägte. Gemeinsam hätten sie "Deutschlands Einheit vorbereitet und Europa verändert", so Bahr.
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