Kultur

Chr. Schlingensief: Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine

Ausstellung im Gropius Bau

1. Christoph Schlingensief, Church of Fear
(Quelle: © Christoph Schlingensief, Foto: Edzard Piltz)
GDN - Mit politischen Aktionen zwischen Theater, Film und bildender Kunst richtete Schlingensief den Blick auf die Zumutungen der Gegenwart. Ab Oktober widmet der Gropius Bau ihm mit „Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine“ eine Ausstellung, die sein Schaffen beleuchtet.
Mit der Ausstellung vertieft der Gropius Bau seine Auseinandersetzung mit künstlerischen Positionen, die sich gleichzeitig in verschiedenen Genres bewegen und deren Grenzen bewusst überschreiten. In Christoph Schlingensiefs Praxis wird Kunst zu einem lebendigen, nicht abgeschlossenen Prozess, der sich immer wieder neu zur Gegenwart ins Verhältnis setzt und das Publikum zu einer aktiven Haltung herausfordert.
Christoph Schlingensief zählt zu den einflussreichsten deutschen Künstler*innen seiner Generation. Obwohl seine Arbeiten unmittelbar auf politische und gesellschaftliche Fragestellungen ihrer Entstehungszeit reagierten, entfalten sie auch im Hier und Jetzt eine besondere Relevanz: Sowohl seine frühe Auseinandersetzung mit Kolonialismus, Diskriminierung und der Fragilität demokratischer Gesellschaften als auch seine Forderung nach Haltung und Austausch berühren wesentliche Debatten der Gegenwart.
In acht Räumen und dem zentralen Lichthof präsentiert Christoph Schlingensief: Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine Installationen und Videoarbeiten, die durch dokumentarisches Film- und Archivmaterial kontextualisiert werden. Rund neun Werkkomplexe aus der Zeit vom Ende der 1990er bis zum Ende der 2000er Jahre machen dabei seine künstlerischen Strategien sowie die permanente Bewegung des Fragens, Zweifelns und Scheiterns sichtbar, die seine Praxis prägte.
Zu Schlingensiefs künstlerischen Strategien zählten die gezielte Überforderung des Publikums, aber auch Irritation, Affirmation und Zuspitzung. Neben humorvollen Überzeichnungen und Parodien griff er bewusst auch diskriminierende Bild- und Sprachmuster auf, um diese sichtbar zu machen, und lotete so immer wieder die Grenzen des Sag- und Machbaren aus. Seine Kritik richtete sich dabei nicht nur nach außen, sondern stellte auch die eigene Rolle als kontrovers diskutierter Künstler kontinuierlich infrage.
Den Auftakt der Ausstellung bildet im kostenfrei zugänglichen Lichthof des Gropius Bau die raumgreifende Installation Kaprow City (2006/07), die eng mit Schlingensiefs Schaffen in Berlin verbunden ist. Die ursprünglich begehbare Drehbühne entstand 2006 für sein letztes Theaterstück an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, das über die letzten Stunden von Lady Diana vor ihrem Unfalltod 1997 spekulierte.
2007 transformierte er das Bühnenbild für das Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich in eine eigenständige künstlerische Arbeit: Aufnahmen aus der Inszenierung, Fragmente aus früheren Projekten und private Super-8-Filme aus seiner Kindheit überlagern sich in einzelnen Kinokammern zu einem Bildraum, der sich nie vollständig erfassen lässt. Als eine der wenigen erhaltenen installativen Arbeiten Schlingensiefs vermittelt Kaprow City exemplarisch seine genreübergreifende, medienreflexive und bewusst überfordernde Arbeitsweise.
Im ersten Ausstellungsraum folgt die Installation Church of Fear, die 2003 auf der Biennale von Venedig präsentiert wurde. Entstanden vor dem Hintergrund der politischen und medialen Reaktionen auf die Anschläge vom 11. September 2001, thematisiert das Projekt die Instrumentalisierung von Angst, die politische Konstruktion vermeintlicher Bedrohungen und die Ausweitung staatlicher Kontrolle.
Am Tag der US-amerikanischen Invasion des Iraks gründete Schlingensief die Church of Fear als parodistische Glaubensgemeinschaft, deren einziges Dogma der „Glaube an die Angst“ war. In Predigten, ritualhaften Aktionen und Interventionen im öffentlichen Raum forderte er das Publikum dazu auf, sich mit individuellen und kollektiven Ängsten sowie deren gesellschaftlicher und politischer Vereinnahmung auseinanderzusetzen. Dabei verband er unterschiedliche religiöse und kulturelle Elemente in einem ambivalenten Raum zwischen Kunst, Religion und öffentlichem Diskurs. Ausgehend von Church of Fear entwickelt sich die Ausstellung im Folgenden entlang zweier zeitlicher Linien.
Die rückblickende Zeitlinie versammelt politische und performative Arbeiten der späten 1990er und frühen 2000er Jahre, in denen Schlingensief Kunst, Aktivismus und massenmediale Öffentlichkeit miteinander verschränkte. Theater, Fernsehen und der öffentliche Raum wurden dabei zu Schauplätzen künstlerischer Interventionen, mit denen er gesellschaftliche Konflikte zuspitzte und bestehende Machtverhältnisse hinterfragte.
Mit Chance 2000 (1998–1999) gründete er im Vorfeld der Bundestagswahl eine eigene Partei und erklärte das Scheitern zum politischen und künstlerischen Prinzip. Die Partei verstand sich als Plattform für Menschen, die im politischen System kaum repräsentiert oder von der Leistungsgesellschaft ausgegrenzt wurden – darunter Menschen mit Behinderungen oder erwerbs- und wohnungslose Personen. Der Wahlspruch „Wähle dich selbst!“ forderte sie dazu auf, die politische Repräsentation selbst in die Hand zu nehmen.
Für Freakstars 3000 (2002) setzte Schlingensief seine langjährige, enge Zusammenarbeit mit Darsteller*innen mit Behinderungen fort. Dabei realisierte er unter anderem mit Bewohner*innen des Tiele-Winckler-Hauses, einer Einrichtung mit Wohn- und Betreuungsangeboten in Berlin-Lichtenrade, eine auf Viva Plus ausgestrahlte, sechsteilige Fernsehproduktion. Das Projekt eignete sich die Ästhetik von Castingshows und politischen Talkshows an und ließ parodistische Bezüge zu historischen „Freakshows“ aufscheinen, um Fragen nach selbstbestimmter Repräsentation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen sowie gesellschaftlichen Normvorstellungen zu diskutieren.

Die vorwärts gerichtete Zeitlinie stellt filmische und opernhafte Werkkomplexe in den Mittelpunkt, in denen Schlingensief historische, gesellschaftliche, mythologische und mediale Motive zu vielschichtigen Bild- und Bedeutungsräumen verbindet. Genres durchdringen sich dabei gegenseitig, Bildwelten kollidieren, Erzählungen zerfallen und setzen sich zu vorläufigen Zusammenhängen neu zusammen: Überforderung ist kein Nebeneffekt, sondern ein zentrales ästhetisches Prinzip in Schlingensiefs Praxis.
The African Twin Towers (2005/07) war zunächst als fiktive Erzählung über ein von den Nachfahr*innen Richard Wagners in Namibia organisiertes Musikfestival geplant. Bei den Dreharbeiten in der namibischen Stadt Lüderitz entwickelte sich gemeinsam mit Schauspieler*innen und Bewohner*innen ein Prozess, der von Kooperation und Improvisation geprägt war: Dabei stellten sie nordische Heldensagen aus Wagners Opern, westliche Filmklassiker und Szenen aus der Kolonialzeit nach. Die daraus entstandene 18-Kanal-Videoinstallation aus ungeschnittenem Rohmaterial eröffnet einen vielstimmigen, fragmentierten Bilderraum, der die (Un-)Möglichkeit der Vergegenwärtigung und Darstellung kolonialer Gewalt reflektiert.
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